BiografienRudolf Steiner (1861-1925)
Steiner ist der Begründer der Anthroposophie. Obwohl er keinen medizinischen Beruf ausübte, ist er der Initiator eines Medizinkonzeptes, das von der Schulmedizin oftmals belächelt, jedoch von vielen Menschen begrüsst und hoch anerkannt wird. Denn Steiners "Anthroposophische Medizin", wie sie allgemein genannt wird, richtet ihr besonderes Augenmerk auf Behindertenpädagogik, Psychosomatik und Onkologie sowie die Pflanzenheilkunde, ohne dabei die herkömmlichen, allgemein anerkannten und praktizierten Untersuchungs- und Behandlungsmethoden außer Acht zu lassen. Durchaus grosse Behandlungserfolge der nach antrosopischen Konzepten geführten Arztpraxen und Krankenhäuser sind unübersehbar. Die erste private medizinische Hochschule in Herdecke (Westfalen) zum Beispiel fühlt sich dem anthroposophischen Gedankengut verpflichtet. Steiner, Sohn eines österreichischen Bahnbeamten, ging in Wien zur Schule, studierte an der dortigen Universität Mathematik und Naturwissenschaften und betrieb nebenher ausgedehnte geisteswissenschaftliche Studien. 1897 ging er nach Berlin und war Mitherausgeber des "Magazin für Literatur" und der "Dramaturgischen Blätter". Von 1899 bis 1905 lehrte er an der Arbeiter-Bildungsschule und entwickelte nach und nach sein anthroposophisches Weltbild. Dies führte zum Bruch mit der deutschen Sektion, der seit 1875 bestehenden "Theosophischen Gesellschaft", deren Begründerin Helena Petrowna Blavatsky war. Ab 1902 war er der Berliner Generalsekretär dieser Gesellschaft. 1913 gründete Steiner die "Anthroposophische Gesellschaft". Der Arzt und romantische Naturphilosophe Ignaz Paul Vitalis Troxler (1780-1866) benutzte den Begriff "Antroposophie" erstmals. Steiners Wissenschaft von der Anthroposophie resultiert aus eigenen erkenntnistheoretischen und methodisch begründeten Erfahrungen und Überlegungen; sicherlich stammen wesentliche Grundzüge von den Theosophen. Steiner verstand sich jedoch eigentlich als Erbe der abendländischen Geistesgeschichte, wobei er sich neben der antiken Philosophie vor allem auf den deutschen Idealismus und die Naturauffassung und Metamorphosenlehre Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) stützte. Dies drückt auch das ab 1914 in Dornach bei Basel von ihm eingerichtete bauliche Zentrum der Anthroposophen, das "Goetheanum", aus. Die ursprünglich aus Holz gebaute Lehr- und Unterkunftseinrichtung wurde nach einem Brand in den Jahren 1924 bis 1928 in der von Steiner vorgegebenen eigenwillig expressiven Struktur in Anlehnung an Goethes Metamorphosenlehre in Stahlbeton neu errichtet.
Seitdem ist sie ein vielbestauntes architektonisches Besuchsobjekt, da sie keinen einzigen rechten Winkel, sondern nur organisch fließende Formen aufweist. Seit 1923 ist dort die "Freie Hochschule für Geisteswissenschaften" untergebracht, die in verschiedenen Sektionen die Pädagogik ("Waldorfschulen"), Heilpädagogik, Landwirtschaft (in biologisch-dynamischer Wirtschaftsweise), Bewegungskunst ("Eurhythmie") und andere künstlerische Bereiche fördert. Interessant zu wissen ist auch , dass sich rund um das Goetheanum eine Wohnsiedlung gebildet hat, deren Häuser sich architektonisch ebenfalls daran halten, keine rechten Winkel zu haben. Die erste "Freie Waldorfschule" konnte Steiner 1919 mit Hilfe der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart eröffnen. Bis heute sind in ganz Deutschland, und im Rest der Welt einige hundert solcher Schulen eröffnet worden. Die anthroposophische Medizin folgte denselben Prinzipien: Am 21. März 1920 begann in Dornach der erste medizinische Kurs für Ärzte und Studenten auf anthroposophischer Grundlage. Nach drei Kursen gründete Steiner im Dezember 1924 mit einem Kreis von Anhängern die Medizinische Sektion des Goetheanums. Steiners Werk ist umstritten und gilt als nahezu unüberschaubar. Auch die Deutung des Begriffes "Anthroposophie" ist schwierig. Vereinfachend kann gesagt werden: Die Anthroposophie ist eine von christlichem, indischem und kabbalistischem Gedankengut beeinflusste Weltanschauungslehre, in der der Mensch (wie die Welt) eine stufenweise Entwicklung nachzuvollziehen hat, um höhere "seelische" Fähigkeiten zu entwickeln und "übersinnliche" Erkenntnisse zu erlangen. An Bedeutung gewann sie vor allem in Steiners pädagogischen Ideen, in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft und im medizinischen Konzept. Im Mittelpunkt von Steiners Medizinkonzept steht gemäß der anthroposophischen Menschenkunde eine seelische Dreigliederung, die der traditionellen Einteilung in Körper (vegetative Seele), Seele im engeren Sinne (animalische Seele) und Geist (intellektuelle Seele) entspricht. Steiner wollte eine Erweiterung der Medizin durch die Geisteswissenschaft, also eine Erneuerung der antiken "Mysterienmedizin". Für ihn war die rhythmische Ordnung der gesamten Natur von entscheidender Bedeutung: "Rhythmisch wächst an der Pflanze ein Blatt nach dem anderen; rhythmisch sind die Blumenblätter angeordnet ... Rhythmisch tritt das Fieber ein bei einer Krankheit, flutet wieder ab; rhythmisch ist das ganze Leben." Im anthroposophisch ausgerichteten Behandlungsprozess sollen durch verschiedene Naturheilmittel oder durch künstlerische Therapie die schöpferischen seelischen und geistigen Kräfte des Patienten aktiviert werden. Zu den künstlerischen Therapien zählen beispielsweise heilpädagogische Bewegungen, Musik-, Mal- und Plastisiertherapien. Was die Naturheilmittel betrifft, so hatte Steiner schon 1917 Injektionspräparate aus Mistelextrakten vorgeschlagen - eine unterstützende Therapieform, die heute mit steigender Häufigkeit bei Krebspatienten eingesetzt wird. Als Wirkungsweise beschrieb er die Erzeugung von Fieber und entzündlichen Prozessen in der Tumorumgebung, was die modernen immunologischen Forschungsergebnisse bestätigen. Caspera
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